Think Big! Übertreibungen verschönern das Leben… auf dem Balkan

17. November 2012 2 Kommentare

Allergrößte Orthodoxe Kirche überhauptDie fünf regelmäßigen Leser dieses Blogs kennen das sicher: Übertreibungen gehören zum Balkan… wie die Cevap. Ich kenne kaum eine Familie vom Balkan, die nicht irgendein Familienmitglied hat, das ganz sicher mal Trainer einer Basketball-Mannschaft aus Neuseeland war. Ehrlich – stvarno! Ich möchte dem geneigten Leser anhand von ausgewählten Beispielen zwei Formen von Übertreibungen darstellen, die ich in jahrelanger empirischer Forschung auf dem Balkan entdecken durfte. Meine Erkenntnisse sind so bahnbrechend und jenseits jedweder Trivialität, dass sie die okzidentale Übertreibungsforschung über Jahrzehnte noch beschäftigen wird.

1. Verbale Übertreibungen

Im Zuge der ersten großen Braindrain-Welle in den 60er und 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts gehörte diese verbale Übertreibung wie diese hier „Diesen güldenen Mercedes habe ich von meinem Arbeitgeber geschenkt bekommen“ zum Standardrepertoire. Dann zeigte meist jemand, dem man das sonst nicht zutraut Fotos von einem Mercedes und einem daneben posierenden Hauptakteur der Konversation. Wenn man dann im Gespräch dann dezent nachfragt, fällt die Story dahinter wie ein stabiles Kartenhaus beim größten Erdbeben auf dem Balkan zusammen. Folgende Konversation gab es mal wirklich:

„Cool. Aber warum hat Dir Dein Chef diesen güldenen Mercedes geschenkt?“ – „Naja, weißt Du, es ist so, ich bin der Beste in der Firma.“. „Ah ok. Das ist gut. Aber warum bist Du dann mit dem Bus nach Jugo gefahren?“… „Das ist ganz einfach. Ich habe meinem Nachbarn das Auto geliehen, der damit wirklich eine Schafsherde in Hannovers Innenstadt umgefahren hat. Naja und ich wollte den Wagen noch mal lackieren.“ Liebe Leser, mal ehrlich hier stimmt etwas nicht. Abgesehen von der Schafsherde in Hannovers Innenstadt, gibt es hier ein paar Plausabilitätslücken. Die offensichtlichste: Ein Balkanese lackiert keine Autos. Schrammen und Kitschen, Beulen sind Auszeichnungen und werden in der Regel nicht lackiert. Das wäre wie Schuheputzen.

Während der Embargo-Zeiten in den 90er-Jahren waren Reisen für Serbinnen und Serben ins Ausland schier unmöglich – auch nicht für Sportler. In diese Zeit fällt auch die große Glanzzeit der dänischen Fußballmannschaft. Aufgrund des Embargos konnte die damalige jugoslawische Fußballmannschaft nach der Qualifikation, in der sie gegen Dänemark gewann, nicht mehr an dem sportlichsten Wettkampf aller Wettkämpfe teilnehmen. Dies hatte zur Konsequenz, dass die dänische Mannschaft nun doch wieder mitspielen durfte. Prompt wurde Dänemark 1992 Fußball-Europameister. Diese Entwicklung erforderte kollektive Kommunikationsstrategien. Eine beispielhafter Wortwechsel aus jener Zeit: „Natürlich haben wir es geschafft die Barbaren und Wikinger im Fußball zu schlagen. Unsere Mannschaft war so gut, die hätte nicht nur den ersten und zweiten sondern gleichzeitig den dritten und vierten Platz gemacht. Mal ehrlich, die jugoslawische Fußballmannschaft war einfach zu gut… Deswegen hat man das Embargo erlassen. – Aus keinem anderen Grund. Ehrlich. Das hat mir auch der Nachbar von Boguljubs Bruder bestätigt. Der kennt jemanden bei der FIFA in Wien.“ So, schon enttarnt. Natürlich: Die FIFA sitzt nicht in Wien – die UEFA übrigens auch nicht.

Ein guter Bekannter mit Mirgrationshintergrund und balkanischen Wurzeln hatte mir mal erzählt, dass die jugoslawische Fluggesellschaft die modernsten Flugzeuge und auch die hübschesten Stewardessen hat – natürlich auf der gesamten Welt. Viele Jahre glaubte ich das. Bis ich anfing selbst mal mit Jat zu fliegen. Auf allen meinen zahlreichen JAT-Flügen hatte ich bislang nur Stewards gehabt. Aber sind Sie – werter Leser – mal mit „Inex Adria Aviopromet“ geflogen? Die hatten die hübschesten Stewardessen. Ganz sicher und ungelogen…. Kommen wir zum nächsten Beispiel:

Das mit Abstand populärste Beispiel für verbale Übertreibungen ist mir extrem häufig begegnet. „Marko, der Zoran der war mal viele Jahre Basketballtrainer in Neuseeland“. Der kleine Plausabilitätscheck: „Wow. Was der Zoran mit 25 Jahren schon so gemacht hat. Aber sag mal, spielte der nicht Fußball bei Real Madrid – das hattest Du vorhin gesagt – und betreibt er nicht seit 10 Jahren die Autowerkstatt um die Ecke?“.  Außerdem: In Neuseeland kann es gar nicht so viele Fußball- oder Basketballclubs geben, um all den potenziellen Trainern aus dem Balkan auch nur temporär eine berufliche Heimat zu bieten.

2. Wer gackert legt dreifach – Übertriebene Taten

Balkanesen kleckern nicht – sie klotzen. Übertriebene Taten gehören zum Alltag:

Einst bin ich mit einem Taxifahrer, der zum Bekannten- oder Verwandten-Kreis gehört durch Belgrad gefahren. Zeljko fuhr kontinuierlich über rote Ampeln und deutlich zu schnell. Insbesondere nachdem wir in seinem Stamm-Bife die Speisekarte hoch-und-runter aßen und sämtliche Vorräte an Spirituosen von ihm geleert wurden. Ich bin noch nie so schnell aus dem Stadtteil Zeleznik in Belgrads Stadtzentrum gewesen – er wollte mir zeigen, dass er trotz Schnaps noch gut Autofahren kann – sicher und schnell. Es kam mir vor wie Lichtgeschwindigkeit aber es war bestimmt nicht ganz so schnell. Während der Fahrt zeigte mir Zeljko seinen Revolver, den er unbedingt benötigt, da er ja mehrmals am Tag von der Mafia überfallen würde. Heute ist Zeljko Busfahrer in Belgrad und ist an manchen Abenden schneller als der Fahrplan.

Klotzen gehörte auch zum Standard vieler Leute mit Migrationshintergrund. So kannte ich mal jemanden, der eine Zeit lang immer auf Reisen nach Jugoslawien Videorekorder mitnahm und diese bei Geburtstagen von Nachbarn verschenkte. Doch damit war er nicht der Einzige. Das war mal gängige Praxis. Dafür gab es auch eine plausible Erklärung. Viele derjenigen, die ihr Glück im Ausland suchten wurden eine Zeit lang von der Bevölkerung zu Hause belächelt. Mit diesen riesigen Geschenken oder auch mit dem eben zitierten „güldenen Mercedes“ sollte dokumentiert werden, dass „man es wirklich geschafft“ hat. Nachzuvollziehen.

3. Fazit

Wir können nun feststellen, dass Übertreibungen jedweder Form zum Wertekanon balkanischer Gesellschaften gehören – unbestritten. Diese zweifelsfreie Einzelartigkeit… die gleichzeitig aber auch Ausdruck der Kreativität und Einfallsreichtum auf höchstem Niveau ist. Chapeau. By the way auch eine Eigenschaft, die alle ehemaligen jugoslawischen Bevölkerungsgruppen eint. Wird spannend beim EU-Beitrittsprozess von Kroatien, Montenegro und Serbien.

Ein Tag in Beograd – Ein virtueller Spaziergang – Teil 2: Zeleni Venac


Zeleni Venac - Alles was Herz begehrt...Heute geht zum Shoppen zum Zeleni Venac. Hier bekommt man alles, was das Herz begehrt. Der geneigte Leser erwartet nun Beispiele. Diese werde ich geben:

  • Originale Fussball-Trikots
  • Selbstgemachte Suppennudeln
  • Wasserhähne
  • echte, lebendige Fische
  • Hello Kitty T-Shirts
  • echt originale Luxus-Uhren
  • echt originale Luxus-Jeans
  • Klopapier-Rollen uvm.

Natürlich gibt es auch Lebensmittel. Interessanter Weise mögen aber die Verkäufer aus der “non-food”-Ecke es nicht wirklich gerne, wenn man fotografieren oder filmen möchte.

Immer wieder verleitet mich der Markt zu Investitionen in Konsumgüter:

  • Einst wollte ich mal eine richtig coole originale Jeanshose (Serbisch: Farmerke) von Levis erwerben. Beim Zeleni Venac hat das wirklich-bestimmt-ganz-sicher Original umgerechnet 7,5 Euro kosten sollen. Allerdings gab es das selbe Modell der Hose auch von Versace, Benetton und vielen anderen Marken. Sogar die Nieten an der Hose haten die “originale Prägung” des jeweiligen Labels. Da ich eigentlich zu klein für mein Gewicht bin, bin ich bei der mir gebotenen Auswahl von originalen Markenjeans schier verzweifelt. Die Länge war überall identisch und gnadenlos zu lang. Der Verkäufer hatte eine sehr pragmatische Lösung. Er bot mir an, meine Hose auf die jeweilige Länge zu kurzen. Und das sollte ziemlich schnell gehen. Nach dem Erwerb des zulangen Beinkleides nahm er Maß, breitete die Hose aus und schnitt mit einer konventionellen Schere die überschüssigen 25 cm einfach ab. Pragmatisch. Gut, der Saum war jetzt nicht so schön nachbearbeitet. Aber was solls.
  • Viel Glück hatte ich auch mit einem Luxus-Chronographen. Das Preis-/Leistungsverhältnis war extrem gut und verleitete mich zum Kauf unterschiedlicher Modelle der tollsten Uhren, die zu großen Aha-Erlebnissen führten. Gut, leider hielt die Batterie einer originalen schweizer Automatik-Uhr aus China nur wenige Wochen, aber hej, der Preis stimmte. Wenn ich das nächste Mal im Belgrad bin muss ich die Uhr umtauschen. :-)
  • Ich würde davon abraten auf dem Markt originale schweizer Schokolade oder ähnliche schokoladige Produkte dort zu kaufen. Ich hege die Befürchtung, dass man dann leider nicht immer die gewohnte Qualität erhält, sondern vielleicht sogar ein hochwertiges Surrogat aus der heimischen Produktion aus Ochsenblut oder so ähnlich.
  • Mein schöner Gürtel mit dem H hatte eine gute Qualität, die original Gold-Schnalle aus Plastik brach erst nach ein paar Wochen auseinander. Aber immer hin hatte der Verkäufer hatte einen guten Service: Er kürzte auch Vor-Ort mittels Schere den Gürtel auf die richtige Länge und fügte mit einer Loch-Stanz-Zange  die benötigten Löcher hinzu.

Den Zeleni Venac erreicht man vom Cafe Ruski Car sehr gut. Man bewegt sich einfach Richtung Süden den Berg hinunter. Direkt hinter Kaufhaus Beograd am Platz der Republik führt ein schmaler Weg langsam den Berg hinunter. Auf drei-Viertel-Höhe durchquert man eine Unterführung und schon ist man im Shopping-Paradies. Da Shopping immer auch mehrere Sinne ansprechen sollte, trifft man immer auf Musik in der Unterführung…

Der Vergleich öffentlicher Personen-Nah-Verkehre in Europa (Version 2 – deluxe version mit Video)


Europäische Vergleiche sind im Kommen – in Deutschland schielt man immer darauf was in anderen Ländern gemacht wird; sei es bei der Bekämpfung der Internetpiraterie oder bei vielen anderen Themen. Der geneigte Leser mag verzeihen, dass ich dieser Entwicklung nicht trotze und mich sogar an diesen Vergleich-Unwesen beteilige.

Ich möchte nun die drei Leser meines Blogs an meinen Erfahrungen im ÖPNV teilhaben lassen. Mein Fokus liegt nun auf den öffentlichen Personennahverkehr in Nizza, Paris (beides Frankreich), Warschau (Polen), Kaluga (Russland) und natürlich in Beograd (Serbien).

Es gibt für mich vier Kriterien, die ich genauer beleuchten möchte:

  • Preis
  • Freundlichkeit der Mitarbeiter der Verkehrsgesellschaft
  • Interieur der Fahrzeuge
  • Tuchfühlfaktor – also das Verhältnis zwischen Quantität der Fahrgäste und dem zur Verfügung stehenden Platzangebot in dem jeweiligen Fahrzeug.

Sie / Ihr sind / seid nun dazu eingeladen, gerne auch diesen Vergleich um weitere Städte zu ergänzen.

Auf geht‘s:

Mit nur einem Euro von Nizza nach Monaco mit dem BusNizza – Fahren wie Gott in Frankreich: Ursprünglich sollte bei einem längeren Aufenthalt ein Mietwagen die Mobilität an der Cote d‘Azur sicherstellen. Nach längerem Überlegen entschieden wir uns  jedoch zur Nutzung von Bus und Bahn. By the way: Eine der besten Entscheidungen, die ich im letzten Jahr getroffen habe. Preislich nicht zu toppen. Beispielsweise kostete eine Fahrt von Nizza nach Monaco im Bus im Jahr 2011 nur 1 Euro pro Person. Der Bus (einmal von einer französischen Gesellschaft, ein zweites Mal ein Unternehmen aus Monaco) war im Top-Zustand. Zu Stoßzeiten wurde es aber auch gerne mal etwas enger. Insbesondere dann, wenn die Leute von den “Sandstränden” zurück nach Nizza gefahren sind – mit Sonnenschirmen, Surfbrettern, Boleros usw.
Gut auch, dass die Straßenbahn in Nizza „plus cool“ ist. Gleichwohl ist das Fahren mit der SNCF (der frz. Eisenbahn) gewöhnungsbedürftig und im Vergleich zum Busfahren eher teurer. Allerdings läßt die Internationalität des Personals in der zentralen Verkaufsstelle zu Wünschen übrig. Der Mann hinter dem Schalter sprach weder hessisch, deutsch, serbisch, kroatisch, montenegrinisch, bosnisch und englisch. Da ich dies jedoch antizipierte, habe ich meine Frau vorgeschickt, die übrigens über hervorragende Kenntnisse der französischen Sprache verfügt (und gerade neben mir sitzt!) – zumindestens reichte es für den Erwerb einer Wochenkarte. Tako je zivot, jbg.

Paris – Enges Netz: Sind Sie schon maAlle 500 Meter gibt es in Paris eine Metrostation - ehrlich.l mit der RER zum Flughafen gefahren – An einem Freitag-Nachmittag? Die Hölle hat einen Namen. Auf den Stationen drängten die Leute; standen eng an eng. In der Bahn selbst war es hammer: Der Wagen leicht versifft. Und: Ich durfte noch nie mit so vielen Leuten zusammen eine Bahnfahrt gemeinsam erleben. Die Preise waren eher hoch. Die Freundlichkeit der Mitarbeiter konnte nicht bewertet werden. Ich habe niemanden weit und breit gesehen.  Besonders positiv ist das sehr enge Netz von Metro-, RER- und Busstationen.

Warschau – Busfahren ist preiswert und man kommt an: In Warschau wollte ich unbedingt eine Fahrt von der Centralstation zum Flughafen machen. Der Ticketpreis war – glaube ich – ganz ok. Peter zahlte die Fahrt. Der Bus war ganz ok. Die Fahrt war auch ok. Es war aber interessant Warschaus Wohngebiete zu sehen. Sehr nette Fahrt.

Kaluga – Trolleybusse und Gasflaschen auf dem Dach: In diesem Frühjahr ähhh Winter machten wir Kaluga unsicher. Coole Stadt. Mit witzigen Fahrzeugen. So gibt es dort Trolley-Busse (also Busse mit Verbindung zur Oberleitung) aber auch seltsame Busse mit Gasflaschen auf dem Dach. Die Fahrzeuge mit den Gasflaschen sehen soooo gefährlich aus, dass wir es nicht wagten in einen solchen Bus einzusteigen. Au weia. Dem entsprechend konnten wir auch die anderen Kriterien nicht valide bewerten. Das sah echt abenteuerlich aus. Wir hatten das erste Mal Sicherheitsbedenken. Das war aber auch nicht schlimm. Mein Vater nebst modernem SUV von Volkswagen ermöglichten uns das entdecken der Region. Auch in Moskau haben wir Trolleybusse gesichtet. Und die Metro. Die erinnerte etwas an die pariser Metro – allerdings ist das Personal – insbesondere die Babuschka, die die Fahrkarte kontrollierte, nicht wirklich nett.

von hier aus in die weite WeltBeograd – Cool, toll, genial, preiswert: In Beograd gibt es unterschiedliche Verkehrsmittel, die öffentlich zu nutzen sind: öffentliche / private Busse, Trolleybusse, Straßenbahnen und nach Legenden sogar auch eine U-Bahn, die ich aber nieeeeeeeee gesehen habe. Ich glaube nicht, dass es die gibt.

Sicherheitsbedenken hatte ich noch nie. In den vergangenen Jahren wurde sogar ein neues Preissystem und Fahrkartenregime geschaffen. Noch vor ein paar Jahren war es eher uncool Fahrkarten zu kaufen. Am Kiosk konnte man die damals erwerben – Brauchte man aber nicht. Wenn der Kontrolleur kam – passierte mir 2-3 Mal – bezahlte ich die „Schwarzfahrtstrafgebühr“ gleich bar: rund 1 Euro. Ich kann mich auch noch an einen lustigen Dialog erinnern: Der Bus ist voll und der Kontrolleur steigt ein. Ein Fahrgast, der wohl im Slivovic-Rausch war, beantwortete die Frage nach der Fahrkarte ungefähr so: „Ich brauch keine Fahrkarte, Blödmann. Lass mich in Ruhe sonst poliere ich Dir die Fresse, ptm“. Der Kontrolleur zog weiter zum nächsten Fahrgast, der sich der Drohung seines Vorredners anschließ und danach der nächste und der übernächste Fahrgast…

Inzwischen soll es mehr Verkaufsstellen geben – allerdings habe ich die auch noch nicht gefunden. Schwarzfahren soll jetzt teurer sein. Aber wahrscheinlich nur, um die zahlreichen Selbstverteidigungskurse der Kontrolleure zu refinanzieren. Die Busse sind aber nach wie vor ok.

Genial ist der zentrale Busbahnhof. Hier fahren die Busse in das Umland und in die anderen Orte Serbiens sowie in die ganze Welt – zumindestens die Länder, die mit dem Bus zu erreichen sind. Hier fahren jeden Tag Busse nach Deutschland, in die Türkei, nach Griechenland, zu den Abtrünnigen Kosovaren, nach Bosnien und nach Kroatien, Ungarn usw… Einmal habe ich sogar einen Bus nach Kopenhagen erspäht. Hammer, oder?

Allerdings kann es manchmal auch viel Tuchfühlung geben. Aber das gibt es ja sonst auch in anderen Metropolen der Welt, wie ich lernen musste.

Das Bus- und das Straßenbahnnetz ist super. Sogar im Winter gab es kaum Beeinträchtigungen. Gewöhnungsbedürftig ist jedoch die Fahrplantreue. Wenn der Bus kommt ist das gut. Wenn nicht, auch nicht schlimm, dann wartet einfach auf dem nächsten Bus. Manchmal kürzer, manchmal länger…

 

Ein Tag in Beograd – Ein virtueller Spaziergang – Teil 1: Ruski Car


Beograd war sehr lange Zeit die zentrale Metropole in Südosteuropa. Die Kriege auf dem Balkan, NATO-Intervention sowie diverse Embargos und Rezessionen veränderten die Stadt und ihre Bedeutung zunehmend. In den letzten Monaten war ich für ein paar Tage in Beograd. – Wow, es hat sich in den letzten anderthalb Jahren viel getan. Gerne wollte ich dem geneigtem Leser den einen oder anderen ganz besonderen Platz in dieser wunderschönen Stadt präsentieren. Und das Häppchen-weise in den nächsten Wochen. Heute geht es los mit dem legendären Cafe Ruski Car.

Ruski CarEin Bus von Lasta-Beograd sollte mich in die Innenstadt bringen. Und die erste Station unseres Besuchs in dieser “amazing” Stadt sollte das Kaffeehaus “Ruski Car” werden. Ein klassisches Frühstücksgedeck sollte uns zunächst die Energie für einen aufregenden Tag geben. Ein Mokka, ein Glas Wasser und ein Stück Ratluk und ein freies W-LAN sollten uns den Aufenthalt versüßen und den Weg ebnen.

Das Kaffeehaus besteht schon seit etlichen Jahrzehnten und diente sehr lange Zeit auch als Treffpunkt der beograder Boheme und der Intellektuellen. Nach längerer Umbauphase in den letzten Jahren erblickt das Kaffeehaus wieder in einem neuen Glanz. Etwas störend könnte allerdings der präsente Plasma-Bildschirm wirken.

In der Zeit, in der ich in Belgrad ein paar Monate lebte, genoss ich endlose Spaziergänge durch die Straßen dieser Metropole. Altbau und Modernismus stießen / prallten aufeinander. Eine Melange aus Tradition und Moderne wirkten manchmal wie die Resopal-Platte im “Unser Dorf soll schöner werden”-Wettbewerb – nicht schön aber manchmal verdammt nützlich. Ein besonderer Anblick waren die Schneeberge überall in der Stadt.Tradition und Moderne im Stadtbild Beograds

Das Wörterbuch


Kurz vor dem Start der NATO-Intervention im 1999 weilte ich für ein paar Tage in Serbien. Die Stimmung war durchwachsen. Die Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Bevölkerungsteilen im Kosmet eskalierte: Die albanisch-stämmige Bevölkerung aus dem Kosovo flüchtete sich in Sicherheit vor den serbischen Truppen nach Montenegro, Albanien, Mazedonien und nach Belgrad – die serbisch-stämmige Bevölkerung aus dem Kosovo flüchtete sich in Sicherheit vor dem kosovo-albanischen UCK-Leuten nach Montenegro, Mazedonien, Serbien und speziell nach Belgrad. Absurde Situation. So… das war jetzt mal kurz der politische Hintergrund. Eigentlich schon eine Situation zum Verzweifeln… Aber es kam noch alles schlimmer… wie wir heute wissen…

Belgrads Prachtstraße Kneza Mihailova

Belgrads Prachtstraße Kneza Mihailova

In dieser Zeit nun war ich nebst Vater und Großvater in Belgrad unterwegs. Es sollten ein paar Besorgungen erledigt werden. In der Belgrads Haupteinkaufstraße Kneza Mihailova pulsierte das Leben. An der einen oder anderene Stelle versuchten serbische Nationalisten irgendwelche Devotionalien unter die Leute zu bringen: serbische Fahnen, Opanken, Šajkačken und Bilder von Slobodan Milosevic und diversen Kriegsverbrechern mit serbischen Wurzeln. Jebi ga. Glücklicher Weise habe ich an solchen Ständen niemanden gesehen, der irgendetwas gekauft hat…

In diesem Umfeld versuchten wir gemeinsam ein Serbisch – Albanisch, Albanisch – Serbisch Wörterbuch zu bekommen. Wir klapperten einen Buchladen nach dem anderen ab. Die Mission war quasi unlösbar. Die Dialoge, die sich jedoch in den Buchläden entbrannten waren cool. Aus dem Gedächtnis:

„Entschuldigen Sie bitte. Ich benötige ein serbisch-albanisches Wörterbuch!“

- „Bitte?“

„Ich suche ein serbisch-albanisches Wörterbuch!“

- „Aha. Warum brauchen Sie eins? Sind sie Diplomat oder Journalist?“

„Nein. Ich möchte mal ein paar albanische Wörter lernen.“

- „Wieso?“

„Naja, ich überlege eine albanische Frau zu treffen. Der muss ich doch erklären, wie sie serbische Bohnensuppe zubereiten soll“

Ein dritter greift ein: „Warum eine albanische Frau? Die Frauen aus der Ukraine sind momentan in Serbien sehr gefragt.“

- „Ja, der Kunde hat Recht. Ich hätte auch ein serbisch-ukrainisches Wörterbuch da. Ein albanisches leider nicht.“

By the way: In der Recherche für eine wissenschaftliche Arbeit über die Bevölkerungsentwicklung und Migration im ehemaligen Jugoslawien bin ich dem Hiweis der ukrainischen Frauen mal nachgegangen. Es gab in der Tat eine ganze Reihe von Frauen aus der Ukraine und anderen mittelosteuropäischen Staaten, die eine Perspektive für eine Familie in Serbien gesucht haben. Und in einer ganzen Reihe von serbischen Dörfern gab es doch einen besonders ausgeprägten Männer-Überhang.

Slava – Sveti Slava!

12. Oktober 2011 2 Kommentare

Heute ist Slava – bei uns in der Familie. Das ist unter den Familien mit jugoslawischen Migrationshintergrund schon ein sehr bedeutender Feiertag. Jahrelang versuchte man mir das mit „Namenstag“ zu erläutern. Allerdings passt das nicht so ganz. Irgendwie ist der Orientierungspunkt die Familie – die Sippe -, manchmal auch das Dorf oder sonst wer. Der geneigte Leser wird mir zustimmen, dass es jetzt nicht Sinn und Zweck ist, der Bedeutung von Slava auf dem Grund zu gehen und dies auch den Rahmen dieses Blog-Beitrags sprengen könnte. Nähere Informationen zur Bedeutung sind aber im Internet erhältlich: hier. Vielmehr möchte ich zwei Ereignisse beschreiben, die sich rund um diesen Feiertag zugetragen haben:

Wo ist die Münze im Brot?

Anlässlich des Namenstages wird ähnlich dem Osterfest traditionell von meiner Großmutter jugoslawischer Seits ein besonderes Brot gebacken. In diesem Brot wird eine Münze versteckt. Derjenige, der diese Münze dann in seinem Stück Brot findet hat dann in der nächsten Zeit besonders viel Glück. Ich hatte viel Glück – und auch viele Münzen. Interessanter Weise hatte ich extrem häufig Münzen im Brot. Gut, einige Jahre, haben die Kinder in der Familie jeweils ein eigenes Brot bekommen – jeder/jede für sich. Aber es gab auch Jahre, in denen es nur ein großes Brot gab. Aber meine Oma gab mir dann doch auch den einen oder anderen Hinweis, in welcher Region im Brot die Münze versteckt war. Zum Leidwesen der anderen Familienmitglieder, die dann vermutlich Jahrelang vom Pech verfolgt waren… Spaß beiseite… in den ersten Jahren meiner Kindheit führte es dazu, dass ich geglaubt habe, dass immer im Brot meiner Großeltern Geldstücke versteckt seien. Ich habe auch schon mal eine kleine Münze verschluckt, weil der Biss ins Brot zu groß war. Auch die Frage, wo in welchem Teil des Brotes die Münze sei, verstand mein Bäcker in Hannover nicht, als ich nach einem Herbst-Urlaub in Serbien wieder ein Roggenmischbrot kaufen sollte.

Redselige Mitreisende nach Belgrad

Traditionell wird das Fest immer beim ältesten Familienmitglied an einem Standort durchgeführt. Mein Großvater war mitten in den Vorbereitungen. Der Slivovic wurde gekocht, Rasen gemäht, das Auto poliert und die Zutaten für das Festessen besorgt. Mein Opa brauchte meine tatkräftige Unterstützung und bat mich mit ihm gemeinsam nach Uzice zu fahren, um dort bei Verwandten das eine oder andere für das Fest abzuholen. Wir machten uns deshalb ein-zwei Tage vor dem eigentlichen Fest auf dem Weg mit dem frisch polierten Auto durch Serbien, um bei einem Neffen meines Großvaters Fleisch abzuholen. Ich wunderte mich warum mein Großvater mehrere Planen mitnahm und damit den Kofferraum seines Passat Variants und die Rücksitze verkleidete. Na gut, dachte ich mir. Warum nicht. Immerhin rechnete mein Großvater mit rund 50 Besuchern an Fest. Dafür sollte ja nun Grillgut jeglicher Art besorgt werden. Die Tour von Beograd nach Uzice kann durchaus etwas länger dauern. Irgendwann kamen wir dann auch mal auf dem Hof eines Onkels an. Der Onkel war mir eigentlich bekannt als derjenige, der den besten Slivovic der Familie brannte. Nebenbei: Bei der Begrüßung stellte sich heraus, dass mein Onkel sich aus Anlass unserer Ankunft kurz vorher rasierte. Sein Rasierwasser war 100% Slivovic. Alles andere war als Rasierwasser-Ersatz im serbischen Bergdorf kaum zu haben.

Zu dritt begutachteten wir die Ställe meines Onkels, goutierten den neuen Slivovic, 1-2-3-4 Mal und suchten uns dann ein Ferkelchen und ein kleines Lämmchen aus. Beide Tiere wurden dann fachgerecht in den Passat Variant verladen werden. Das Ferkel durfte auf der Rücksitzbank Platz nehmen, dass Lämmchen machte es sich im Kofferraum gemütlich. Und so machten wir uns dann langsam auf dem Weg zurück nach Belgrad… Die Fahrt wurde länger und länger. Lämmchen und Ferkelchen wurden mit wachsender Fahrtzeit redseliger und mähten und quiekten vor sich hin.


(Hier zur Veranschlaulichung. Youtube sei Dank!)

Ein paar Tage später besuchte ich mein Großvater dann zum Slava-Fest. Es war das erste Mal, dass ich bei einer Familienfeier ausschließlich Brot, Burek, Salat und gebratene Paprika aß. Immer wieder wenn ich das gegrillte Spanferkel und Lammfleisch sah, musste ich an die redseligen Mitfahrer denken.

Zeitmanagement auf dem Balkan

3. Oktober 2011 1 Kommentar

Dem geneigten Leser wird dieses Gefühl vertraut sein: Der Tag ist eigentlich viel zu kurz, um alles zu schaffen, was man sich vorgenommen hat. Oder geht es mir alleine so? Ich glaube nicht. Man hetzt von der Termin zu Termin, bringt sich in Gespräche ein, zwischendurch klingelt das mobilni telefon und zwischendurch beantwortet man kurz „unter dem Tisch“ e-Mails oder SMS. Dann vibriert das Smartphone zweimal und man hat das Signal, dass das nächste Meeting gleich anfängt… Ich hatte mal vor langer Zeit das Vergnügen gehabt, dass Zeitmanagement von zwei Biznes-Män auf dem Balkan zu vergleichen. Beide „Entwürfe“ fand ich so beeindruckend, dass ich es dem geneigten Leser nicht vorenthalten möchte:

Branko war Lehrer in einem kleinen Vorort von Beograd. Er hatte im Ort eine exponierte Stellung und wurde von vielen seiner Mitbürgern bewundert. Und: Er war ein überaus höflicher Mensch mit einer enormen Bodenhaftung.

Wenn ein Nachbar seine Hilfe brauchte, war er zur Stelle. Transportierte mit seinem Yugo Fica (Fiat 500-Klon) Waschmaschinen (auf dem Dach) oder Hühner. Branko hatte einen engen Zeitplan: vormittags in der Schule – nachmittags Spaziergänge und Kontaktpflege. Dieser Vorort hatte gefühlte zwei Straßen. Eine Nord-Süd-Achse und die Ost-West-Achse.

Er begann seine Spaziergänge nach der Schule immer direkt vor der eigenen Haustür und machte sich zu Beginn noch sehr eifrig und eilig auf dem Weg. Bis zum ersten Nachbar. Er vergewisserte sich, dass dort alles in Ordnung sei. Trank zur Begrüßung mit seinem Nachbarn einen kurzen Slivovic auf den Tag und machte sich dann auf dem Weg zum nächsten Nachbarn. Auch hier musste er sich von der guten Qualität des selbstgebrannten Destillats vergewissern. Dann machte er sich weiter auf dem Weg zum nächsten Nachbarn, auch dortens sollte eine kurze Qualitätskontrolle des hiesigen Destillats fortgesetzt werden i tako dalje. Im Zuge des Straßenverlaufs näherte er sich langsam aber sicher der Kreuzung der beiden o.g. Straßen.

Langsam versuchte er die Straße – eine Hauptverkehrsstraße zwischen Beograd und Uzice – unbeschadet zu überqueren. Auf der anderen Seite – meist unbeschadet angekommen – führte er seinen Spaziergang fort. Im persönlichen Gespräch und in Augenscheinnahme der Füllstände der Flaschen mit alkoholischen Inhalten besuchte er nun Anwohner und Anwohner… bis er auf Höhe seines Hauses war. Waghalsig hangelte er sich von Straßenseite zur Straßenseite. Heile in der Homebase angekommen, legte er sich kurz hin. Nach einem viertelstündigen Nickerchen lief er zum Auto, trank etwas gegen den Durst und setzte sich an das Steuer seines Ficas und fuhr zur Kreuzung. Nach kurzer Parkplatzsuche stellte er das Auto vor dem Kafana ab. Er begann  den zweiten Teil seiner Spaziergänge auf der Nord-Süd-Verbindung. Gegen Abend trokelte er zu seinem Auto, fuhr nach Hause, erledigte ggf. kleinere Transportleistungen und legte sich hin. Am nächsten Morgen begann der Tag ebenso wie der vorige Tag. Klare Strukturen können helfen konsequent den und die anstehenden Aufgaben – zuweilen sich wiederholenden Aufgaben – zu bewerkstelligen. Ziveli!

Ganz anders war es bei Mileuko. Mile war Geschäftsmann im Herzen Beograds. Er plante seinen Tag konsequent von 16 Uhr bis 22 Uhr. Vorher war er zwar im Büro und versuchte zu arbeiten. Dies war allerdings schwer. Er war sehr gefragt; mal als Ratgeber, mal als potenzieller Arbeitgeber oder als Vermittler im sog. „Inex“ (Import / Export)-Geschäft von Badehosen balkanischer Produktion. Praktisch war bis 16 Uhr nicht an Arbeit zu denken. Immerwieder klingelte es an der Tür und ein Geschäftspartner, Nachbar, Politiker oder Universitätsprofessor kam vorbei und wollte die Weltlage mit ihm besprechen. Immer beim Kaffee und immer beim Slivovic. Manchmal auch beim Kaffee oder beim Slivovic… oder beim Kaffee und beim Slivovic.

Da es sich jedoch in Beograd immer um einen Mokka handelte, hatte er nach den ersten Wochen der Selbständigkeit bereits soviel Koffein intus, dass an Schlafen nach 22 Uhr nicht mehr zu denken war. Nach wenigen Tagen versuchte er Kaffee mit entkoffinierten Pulver zu brauen – zumindestens für ihn. Seine Gäste sollten davon nichts mitkriegen. Jetzt musste er irgendwann auch überlegen, ob ein so durchstrukturierter Arbeitstag überhaupt dauerhaft in Frage kommt. Er versuchte Unterschiedliches: Er machte die Tür nicht mehr auf, streckte den Kaffee, um durch eine schlechtere Kaffeequalität den einen oder anderen zu vergraulen… Es half alles nichts. Er begriff diese Situation nun als Chance. Machte aus seinem Büro eine kleine Kaffeebar und begründete damit den Grundstock eines kleinen Kaffeebar-Imperiums…

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