Bi-direktionale balkanische Geschenke-Spirale

Der geneigte Leser wird die Situation kennen: Es hagelt Geschenke, die zwar vom Herzen kommen aber sonst jedweder Sinnhaftigkeit, ästhetischen Empfinden oder sonst irgendwelchen rationalen Überlegungen widersprechen. Hier drei Beispiele die für viele, viele, viele andere Sachen sprechen, die inzwischen im heimischen Keller „zwischengelagert“ oder dem Recycling-Prozess zugeführt wurden:

  • Bei einem Familienbesuch Mitte der 80er-Jahre bekam ich von einem entfernten Verwandten auf dem fernen Balkan ein richtig schönes Stofftier geschenkt. Richtig schön. Ein rosa Häschen mit Schleifchen im Haar und mit Brusttasche, wo man ziemlich viel Tant verstecken kann. Wer braucht so ein Kram… Insbesondere dann, wenn man mit 12 oder 13 gerade ganz andere Interessen hat… wie z.B. die große Weltpolitik? Der Anstand gebot es damals, sich über dieses nutzlose Teil wie ein Schneekönig zu freuen und zu signalisieren, dass man noch nieeeeeee etwas schöneres geschenkt bekommt hat, damit der innerfamiliäre Frieden gewahrt bleibt.
  • Im selben Urlaub erhielt ich von einer Tante eine Bilderbuch-Reihe geschenkt… Märchen in der Klapp-Version (3D-Popp-Up-Buch) auf serbisch(!) mit kyrillischen Buchstaben. Damals hielt ich das für eine Schrift vom Mars oder Keilschrift. Bis mein Vater mich aufklärte über diese Schrift, die ich auch schon bald im Russisch-Unterricht in der Volkshochschule einer niedersächsischen Stadt erlernte – dazu später mal mehr.
  • Mein Sohn liebt Bücher – richtige Bücher mit Bildern und Text auf richtigem Papier. Im letzten Jahr erhielt er während eines Familienbesuchs auf dem Balkan von einer Verwandten, die gehört hatte, das er Bücher mag, ein richtiges gutes Buch geschenkt. Es bestand aus 5 ca. 1cm-dicken Papp-Seiten, hochglanz, hatte auf jeder Seite ein Bild und das jeweilige Wort auf serbischer Sprache gedruckt – natürlich auf Marsianer-Schrift ähhh kyrillisch. Auch er beherrschte das Heucheln par excellence: „Super, das wollte ich schon immer haben“, lautete seine Reaktion auf dieses Buch. Er umschlang diese 5 Pappseiten mit beiden Armen und presste es sofort an sein Herz. Theatralischer hätte das niemand toppen können. Wirklich.

Ich habe mich sehr lange Zeit gefragt, wie es sein kann, dass man bei jedem Besuch der Sippe immer skurrilere Geschenke erhält. Klar, es ist eine Geste und ist trotz des Nippes schön, dass man eine Freude gemacht bekommt usw. Mittlerweile habe ich auf Grundlage einer jahrzehntelangen empirischen Forschung zwei Hypothesen, die ich in den nächsten Jahren validieren oder falsifizieren werde:

  1. Das Gegenüber wurde in der Vergangenheit von der positiven Reaktion so sehr überrascht, dass diese Reaktion sich im Unterbewusstsein und im Langzeitgedächtnis manifestiert hatte. Für Hobbymathematiker würde sich das so darlegen: Nippes + Mark = riesige Freude. Gleichzeitig wird dann gleich die gesamte Sippe in Sippenhaft genommen. Auf „mathematisch“: Nippes + Marks Sohn = riesige Freude.
  2. Der Großteil der Bevölkerung im Südosten Europas hat den Anspruch, die Geschenke aus dem Vorjahren zu toppen. Natürlich passiert das nicht nach der logischen Formel: Nippes + Nippes + Mark = riesige Freude. Auf dem Balkan passiert das eher nach der Formel: Nippes² + Mark = riesige Freude. Damit schraubt sich das Schrecken in unserem „Zwischenlager“-Keller immer weiter nach oben. Wir treiben mit unseren heuchlerischen Reaktionen natürlich die Nippes-Dimensionen noch weiter nach oben. Was dann den „Schenker“ wahrscheinlich noch mehr überrascht. Folgender Dialog wäre dann realistisch „Dragoljub, schau, der Schrott gefällt der Švabac-Familie wirklich.“ „Naja, in Deutschland hat man eben kein Geschmack. Schau doch mal, was wir noch im Keller haben und loswerden wollen.“ oder: „Kauf bitte beim Chinesen noch etwas Plastik-Krams – die Familie aus Deutschland kommt.“

Ich werde diese beiden Hypothesen auf meinen nächsten Reisen nach Südosteuropa überprüfen und wieder Bericht erstatten.

Frappierend ist jedoch der Umstand, dass die sog. „balkanische Geschenke-Spirale“ auch in eine andere Richtung funktioniert – und wahrscheinlich so die dritte Hypothese nur bei Personen mit Migrationshintergrund: Auf Reisen in die Länder des Balkans nehmen wir immer einen Extra-Koffer für Mitbringsel für die Verwandtschaft mit. Gerne mal Parfum, Zigaretten, bestimmte Destillate, Filofax-Imitate, tolle Armbanduhren u.ä. Die Reaktionen meiner Verwandtschaft waren bislang immer überwältigend – das überrascht mich immer wieder. Deswegen kaufe ich auch jedes Mal wieder Kofferweise solche Gegenstände, wenn eine Reise auf dem Balkan wieder näher rückt und ich überlege jedes Mal, wie ich das bisher Verschenkte toppen kann – allerdings ist das schwer, da sich das Gegenüber immer über so Nippes freut…

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