Think Big! Übertreibungen verschönern das Leben… auf dem Balkan

Allergrößte Orthodoxe Kirche überhauptDie fünf regelmäßigen Leser dieses Blogs kennen das sicher: Übertreibungen gehören zum Balkan… wie die Cevap. Ich kenne kaum eine Familie vom Balkan, die nicht irgendein Familienmitglied hat, das ganz sicher mal Trainer einer Basketball-Mannschaft aus Neuseeland war. Ehrlich – stvarno! Ich möchte dem geneigten Leser anhand von ausgewählten Beispielen zwei Formen von Übertreibungen darstellen, die ich in jahrelanger empirischer Forschung auf dem Balkan entdecken durfte. Meine Erkenntnisse sind so bahnbrechend und jenseits jedweder Trivialität, dass sie die okzidentale Übertreibungsforschung über Jahrzehnte noch beschäftigen wird.

1. Verbale Übertreibungen

Im Zuge der ersten großen Braindrain-Welle in den 60er und 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts gehörte diese verbale Übertreibung wie diese hier „Diesen güldenen Mercedes habe ich von meinem Arbeitgeber geschenkt bekommen“ zum Standardrepertoire. Dann zeigte meist jemand, dem man das sonst nicht zutraut Fotos von einem Mercedes und einem daneben posierenden Hauptakteur der Konversation. Wenn man dann im Gespräch dann dezent nachfragt, fällt die Story dahinter wie ein stabiles Kartenhaus beim größten Erdbeben auf dem Balkan zusammen. Folgende Konversation gab es mal wirklich:

„Cool. Aber warum hat Dir Dein Chef diesen güldenen Mercedes geschenkt?“ – „Naja, weißt Du, es ist so, ich bin der Beste in der Firma.“. „Ah ok. Das ist gut. Aber warum bist Du dann mit dem Bus nach Jugo gefahren?“… „Das ist ganz einfach. Ich habe meinem Nachbarn das Auto geliehen, der damit wirklich eine Schafsherde in Hannovers Innenstadt umgefahren hat. Naja und ich wollte den Wagen noch mal lackieren.“ Liebe Leser, mal ehrlich hier stimmt etwas nicht. Abgesehen von der Schafsherde in Hannovers Innenstadt, gibt es hier ein paar Plausabilitätslücken. Die offensichtlichste: Ein Balkanese lackiert keine Autos. Schrammen und Kitschen, Beulen sind Auszeichnungen und werden in der Regel nicht lackiert. Das wäre wie Schuheputzen.

Während der Embargo-Zeiten in den 90er-Jahren waren Reisen für Serbinnen und Serben ins Ausland schier unmöglich – auch nicht für Sportler. In diese Zeit fällt auch die große Glanzzeit der dänischen Fußballmannschaft. Aufgrund des Embargos konnte die damalige jugoslawische Fußballmannschaft nach der Qualifikation, in der sie gegen Dänemark gewann, nicht mehr an dem sportlichsten Wettkampf aller Wettkämpfe teilnehmen. Dies hatte zur Konsequenz, dass die dänische Mannschaft nun doch wieder mitspielen durfte. Prompt wurde Dänemark 1992 Fußball-Europameister. Diese Entwicklung erforderte kollektive Kommunikationsstrategien. Eine beispielhafter Wortwechsel aus jener Zeit: „Natürlich haben wir es geschafft die Barbaren und Wikinger im Fußball zu schlagen. Unsere Mannschaft war so gut, die hätte nicht nur den ersten und zweiten sondern gleichzeitig den dritten und vierten Platz gemacht. Mal ehrlich, die jugoslawische Fußballmannschaft war einfach zu gut… Deswegen hat man das Embargo erlassen. – Aus keinem anderen Grund. Ehrlich. Das hat mir auch der Nachbar von Boguljubs Bruder bestätigt. Der kennt jemanden bei der FIFA in Wien.“ So, schon enttarnt. Natürlich: Die FIFA sitzt nicht in Wien – die UEFA übrigens auch nicht.

Ein guter Bekannter mit Mirgrationshintergrund und balkanischen Wurzeln hatte mir mal erzählt, dass die jugoslawische Fluggesellschaft die modernsten Flugzeuge und auch die hübschesten Stewardessen hat – natürlich auf der gesamten Welt. Viele Jahre glaubte ich das. Bis ich anfing selbst mal mit Jat zu fliegen. Auf allen meinen zahlreichen JAT-Flügen hatte ich bislang nur Stewards gehabt. Aber sind Sie – werter Leser – mal mit „Inex Adria Aviopromet“ geflogen? Die hatten die hübschesten Stewardessen. Ganz sicher und ungelogen…. Kommen wir zum nächsten Beispiel:

Das mit Abstand populärste Beispiel für verbale Übertreibungen ist mir extrem häufig begegnet. „Marko, der Zoran der war mal viele Jahre Basketballtrainer in Neuseeland“. Der kleine Plausabilitätscheck: „Wow. Was der Zoran mit 25 Jahren schon so gemacht hat. Aber sag mal, spielte der nicht Fußball bei Real Madrid – das hattest Du vorhin gesagt – und betreibt er nicht seit 10 Jahren die Autowerkstatt um die Ecke?“.  Außerdem: In Neuseeland kann es gar nicht so viele Fußball- oder Basketballclubs geben, um all den potenziellen Trainern aus dem Balkan auch nur temporär eine berufliche Heimat zu bieten.

2. Wer gackert legt dreifach – Übertriebene Taten

Balkanesen kleckern nicht – sie klotzen. Übertriebene Taten gehören zum Alltag:

Einst bin ich mit einem Taxifahrer, der zum Bekannten- oder Verwandten-Kreis gehört durch Belgrad gefahren. Zeljko fuhr kontinuierlich über rote Ampeln und deutlich zu schnell. Insbesondere nachdem wir in seinem Stamm-Bife die Speisekarte hoch-und-runter aßen und sämtliche Vorräte an Spirituosen von ihm geleert wurden. Ich bin noch nie so schnell aus dem Stadtteil Zeleznik in Belgrads Stadtzentrum gewesen – er wollte mir zeigen, dass er trotz Schnaps noch gut Autofahren kann – sicher und schnell. Es kam mir vor wie Lichtgeschwindigkeit aber es war bestimmt nicht ganz so schnell. Während der Fahrt zeigte mir Zeljko seinen Revolver, den er unbedingt benötigt, da er ja mehrmals am Tag von der Mafia überfallen würde. Heute ist Zeljko Busfahrer in Belgrad und ist an manchen Abenden schneller als der Fahrplan.

Klotzen gehörte auch zum Standard vieler Leute mit Migrationshintergrund. So kannte ich mal jemanden, der eine Zeit lang immer auf Reisen nach Jugoslawien Videorekorder mitnahm und diese bei Geburtstagen von Nachbarn verschenkte. Doch damit war er nicht der Einzige. Das war mal gängige Praxis. Dafür gab es auch eine plausible Erklärung. Viele derjenigen, die ihr Glück im Ausland suchten wurden eine Zeit lang von der Bevölkerung zu Hause belächelt. Mit diesen riesigen Geschenken oder auch mit dem eben zitierten „güldenen Mercedes“ sollte dokumentiert werden, dass „man es wirklich geschafft“ hat. Nachzuvollziehen.

3. Fazit

Wir können nun feststellen, dass Übertreibungen jedweder Form zum Wertekanon balkanischer Gesellschaften gehören – unbestritten. Diese zweifelsfreie Einzelartigkeit… die gleichzeitig aber auch Ausdruck der Kreativität und Einfallsreichtum auf höchstem Niveau ist. Chapeau. By the way auch eine Eigenschaft, die alle ehemaligen jugoslawischen Bevölkerungsgruppen eint. Wird spannend beim EU-Beitrittsprozess von Kroatien, Montenegro und Serbien.

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6 Gedanken zu “Think Big! Übertreibungen verschönern das Leben… auf dem Balkan

  1. Rolex MB sagt:

    Zu Inex Adria Aviopromet: viele Kindheitserinnerungen. Neben den Flügen an die Küstenflughäfen Split, Zadar, Pula, Dubrovnik und Tivat gab es jahrelang mittwochs und samstags Flüge für die jugosl. Community ab Hannover nach Zagreb. Dort hatte JP eine Art Mini-Drehkreuz und die Flüge wurden z.B. nach Skopje und Belgrad weitergeführt. Adria war lange Jahre vom Passagiervolumen die Nummer 4 in HAJ, nach LH, BA und Hapag. Im Winter ging’s am Sonntag immer nach Dubrovnik. In der Saison ’84 und ’85 wurde dieser Flug nach Sarajevo verlängert, das Skigebiet Belasnica sollte damals im Westen etabliert werden.

      1. Rlx sagt:

        Habe immerhin noch ein Inex Adria DC-9 Modell – das ist ’ne echte Rarität inzwischen!
        An Bord gab’s immer kalte Platten in Plastik-Boxen mit verschiedenen „Fächern“. Die habe ich mal als 10jähriger mit von Bord genommen und meine Großeltern mussten mir dann das Mittagessen immer in die Box mit dem Inex Adria Logo einfüllen. Ansonsten: Einstieg in der DC-9 gerne mal durch die Luke hinten zwischen den Triebwerken, Ausstieg in Hannover dann wieder über die damals roten Brücken.

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